Aus- und Weiterbildung statt Arbeitslosigkeit

Investitionen in die Aus- und Weiterbildung lohnen sich sowohl für die Betroffenen als auch für den Staat. Das zeigen Modellrechnungen, welche die Berner Fachhochschule (BFH-Zentrum Soziale Sicherheit) im Auftrag des Aargauischen Komitees für die Initiative Arbeit und Weiterbildung erstellt hat.

Drei auf den Aargau zugeschnittene Modellfälle zeigen, dass Investitionen in Aus- und Weiterbildung positive Wirkung haben. Zuallererst für die Betroffenen selbst, die nach den mit der Initiative angestrebten Interventionen selbstverantwortlich ihr Leben finanzieren können. Weiter kann aber auch ein Effekt für die Staatskasse nachgewiesen werden. Die durch Prävention von Arbeitslosigkeit eingesparten Kosten in der Sozialen Wohlfahrt und die zusätzlichen Einnahmen (insbesondere Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge) sind bedeutend höher als die durch die Massnahme selbst verursachten Kosten.[1]

Die ausführliche Medienmitteilung vom 9. Dezember 2016

Schlussbericht Fiskalische Rentabilität der Arbeitslosenhilfe ALHG

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Luca, 38 Jahre alt, Familienvater: Arbeitslos?

Das ist Luca. Er ist 38 Jahre alt und arbeitet seit 20 Jahren in verschiedenen Betrieben als ungelernter Metallbauer und Maschinenmechaniker. Er ist verheiratet mit Sibylle und die beiden haben eine Kind, welches tagsüber von der Mutter betreut wird. Abends arbeitet seine Frau und trägt so zum Einkommen bei. Die kleine Familie erwartet in vier Monaten Zuwachs; Sybille ist schwanger.

Sybille wird mit dem zweiten Kind abends weniger arbeiten können und Lucas Stelle bei einem Zulieferbetrieb in der Automobilindustrie ist durch den Preisdruck stark gefährdet. Seine Aussichten auf eine neue Stelle in der Schweiz sind schlecht. Stellen für Ungelernte gibt es lediglich im benachbarten Ausland, was ist mit einem weiten Arbeitsweg und somit weniger Zeit für die Familie verbunden wäre. Trotz aller Freude über den Nachwuchs macht sich die Familie grosse Sorgen.

Mit einem Ja zur Initiative Arbeit und Weiterbildung wird aber folgendes möglich:

Luca möchte schon lange seine mit viel Berufserfahrung angeeigneten Fähigkeiten validieren und so einen Ausbildungsabschluss erreichen. Dazu muss er aber einen erheblichen zeitlichen Aufwand betreiben, was nur mit einer Pensumreduktion von 10% bei seinem jetzigen Arbeitgeber möglich ist. Die Arbeitslosenhilfe übernimmt die Kosten für den Lohnausfall und Luca kann die Kurse besuchen.

Luca schliesst das Validierungsverfahren als Produktionsmechaniker EFZ ab und findet so problemlos eine neue Stelle, als sein Betrieb die Produktion umstellt.

 Kosten und Nutzen einer Validierung für den Staat:

Kanton/

Gemeinde

Bund

Gesamt

Kosten Validierungsverfahren und Kurse

8‘600

8‘600

Kosten Arbeitsreduktion (10% 2 Jahre)

10‘080

10‘080

Gesamt Kosten Saat

18’680

18’680

 
Einsparungen staatliche Ausgaben: Sozialhilfe, Prämienverbilligung, IV, UVG

1‘740

11‘210

12’950

Mehreinnahmen Staat: Einkommenssteuern, Sozialversicherungsbeiträge

14‘220

27’330

41’550

Gesamt Nutzen Staat*

15’960

38’540

54’500

Kosten-Nutzen-Verhältnis

1 : 3

*Durchschnittskosten einer ausbildungslosen Person gegenüber einer Person mit einer Ausbildung, gegeben sonst gleiche Charakteristiken. Diskontfaktor 1%

Quelle: Fritschi et al, Bern 2016, Fiskalische Rentabilität der Arbeitslosenhilfe ALHG

Katja, 25 Jahre alt, alleinerziehend: Sozialfall?

Das ist Katja. Sie ist 25 Jahre alt und alleinerziehende Mutter einer sechsjährigen Tochter. Ihre Ausbildung zur Coiffeuse hat sie mit 18 Jahren im zweiten Lehrjahr wegen der Schwangerschaft abgebrochen. Jetzt ist die Tochter im Kindergarten, wird zusätzlich von der Grossmutter und einer Tagesmutter betreut und Katja kann zu 60% im Detailhandel arbeiten.

Ohne Berufsausbildung, findet Katja aber weiterhin nur einen unqualifizierten Job auf Stundenlohnbasis mit einem stark schwankenden Pensum. Katja verdient so lediglich zwischen 2’100.- und 3’000.- Franken pro Monat und ist weiterhin auf Sozialhilfe angewiesen. Ihre Arbeit gefällt Katja sehr, trotzdem plagen die junge Mutter die Mehrfachbelastung und die finanziellen Sorgen. Oft fragt sie sich ob sie jemals ganz für sich selber sorgen kann?

Mit einem Ja zur Initiative Arbeit und Weiterbildung wird aber folgendes möglich:

Katja könnte mit der abgeschlossenen obligatorischen Schulzeit und ihrer Berufserfahrung als Ungelernte eine verkürzte Berufslehre als Detailhandelsfachfrau absolvieren. Dies bedingt aber ein Vollzeitpensum und verursacht Mehrkosten während der Lehrdauer. Weil diese Kosten durch die Arbeitslosenhilfe getragen werden, kann Katja die Lehre nachholen, obwohl sie über keinerlei Erspartes verfügt.

 Nach erfolgreichem Abschluss der Lehre ist es für Katja das erste Mal im Erwachsenenleben möglich ohne Sozialhilfe ihr Leben zu meistern.

Kosten und Nutzen einer Lehre für den Staat während des weiteren Erwerbslebens (25 – 64 Jahre):

Kanton/

Gemeinde

Bund

Gesamt
Kosten Lehre

25‘000

25‘000

Mehrkosten öffentliche Unterstützungsleistungen (Stipendien, Sozialhilfe)

48‘240

48‘240

Gesamt Kosten Saat

73’240

73’240

 
Einsparungen staatliche Ausgaben: Sozialhilfe, Prämienverbilligung IV, UVG

9‘310

57‘550

66’860

Mehreinnahmen Staat: Einkommenssteuern, Sozialversicherungsbeiträge

55‘940

107’490

163’420

Gesamt Nutzen Staat*

65’247

165’036

230’282

Kosten-Nutzen-Verhältnis

1 : 3

*Durchschnittskosten einer ausbildungslosen Person gegenüber einer Person mit einer Ausbildung auf Sekundarstufe II

Quelle: Fritschi et al, Bern 2016, Fiskalische Rentabilität der Arbeitslosenhilfe ALHG

 


 

Urs, 50 Jahre alt, Drucker: Ausgesteuert?

Das ist Urs. Er ist 50 Jahre alt und arbeitet seit 22 Jahren als gelernter Drucker in einem 4-Mannbetrieb. Schon länger zeichnet sich ab, dass die Druckerei schliessen muss. Durch den technologischen Wandel gibt es kaum noch Stellen, für die er sich als Drucker bewerben könnte. Ausserdem war es im Kleinbetrieb nicht üblich, dass die Angestellten Weiterbildungen besuchen können.

Als Urs die Stelle verliert, findet er trotz intensiven Bemühungen keine neue Arbeitsstelle. Seit 14 Monaten wird er nun von der Arbeitslosenversicherung unterstützt und die Absagen und das Gefühl nicht mehr gebraucht zu werden, machen ihm zu schaffen. Wie soll es nach der drohenden Aussteuerung weitergehen? Seine Ersparnisse reichen nicht um ohne Einkommen bis zur Pensionierung leben zu können.

 Mit einem Ja zur Initiative Arbeit und Weiterbildung wird aber folgendes möglich:

Als sich abzeichnet, dass die Druckerei früher oder später schliessen wird, sprechen sich Urs und sein Arbeitgeber ab und Urs beginnt sich eine neue Stelle zu suchen. Schliesslich findet er eine Stelle als Polygraph, bei der er zum gleichen Lohn eingestellt werden kann, wenn er bis zum Stellenantritt Kenntnisse über spezifische Grafik-Programme vorweisen kann und ausserdem ein Einarbeitungszuschuss[1] gewährt wird.

Urs kann so mit seinen 50 Jahren problemlos vom alten zum neuen Arbeitgeber wechseln. Er kann dort bis zum Pensionsalter bleiben und wird mit seiner Rente auch im Alter auskommen.

 Kosten und Nutzen einer Weiterbildungsmassnahme für den Staat (50 bis 65 Jahre)

Kanton/

Gemeinde

Bund

Gesamt

Kurskosten

2‘590

2’590

Einarbeitungszuschuss

17‘040

17‘040

Gesamt Kosten Saat

17‘040

2‘590

19‘630

Einsparungen staatliche Ausgaben: Sozialhilfe, Prämienverbilligung, IV, UVG

2‘160

19‘080

21‘230

Mehreinnahmen Staat: Einkommenssteuern, Sozialversicherungsbeiträge

30‘320

58‘270

88‘590

Gesamt Nutzen Staat*

49‘520

79‘940

109‘820

Kosten-Nutzen-Verhältnis

1 : 6

*Durchschnittskosten einer ausbildungslosen Person gegenüber einer Person mit einer Ausbildung
[1] Heute ist ein Einarbeitungszuschuss nur möglich, wenn der Stellenverlust bereits stattgefunden hat und die Arbeitslosigkeit bereits besteht.

Quelle: Fritschi et al, Bern 2016, Fiskalische Rentabilität der Arbeitslosenhilfe ALHG

Digitalisierung bedroht KV-Stellen

Zwei Studien des KV Schweiz zeigt auf, dass durch die Automatisierung von Arbeitsprozessen schweizweit bis 100’000 Stellen im Kaufmännischen in Gefahr sind. Die Digitalisierung birgt dabei für diesen Berufszweig aber auch Chancen. Komplexe Abläufe und die dazugehörigen Arbeitsplätze könnten vermehrt wieder in der Schweiz geholt werden. Dazu benötigt es allerdings gut aus- und weitergebildetes Personal.

Die Initiative Arbeit und Weiterbildung fordert Massnahmen für den Verbleib von Personen im Arbeitsmarkt. So können betroffene Angestelle im Aargau, deren Arbeitsplätze bedroht sind, rechtzeitig für die Zukunft fit gemacht werden.

Artikel im 20 Minuten, 23. November 2016

Die Studien im Detail